„Einsturzgefährdet“ – oder wie man praktisch-literarisch Gesellschaftsgrenzen überwindet

Bestsellerautorin Renate Hartwig stellt auf Einladung der Volksbank Alzey-Worms ihr außergewöhnliches Buch-Projekt vor / von Schülern, mit Schülern, für Schüler

Auf dem Bild (von Rudolf Uhrig) v.l.n.r.: Anke Fischer (Eleonoren-Gymnasium), Bernd Rissel (Volksbank), Dr. Ernst Schmitt (Elisabeth-Langgässer-Gymnasium, Alzey), Cengiz Uzun (Pfrimmtal-Realschule Plus), Renate Hartwig, Kristina Telge (Volksbank).

Geht nicht gibt’s nicht für Renate Hartwig. Und weil das so ist, kniet sich die Ulmer Bestseller-Autorin in alle ihre Projekte mit voller Kraft hinein, komme was wolle. So bewies sie auch denjenigen, die den Erfolg ihres neuesten Jugendbuch-Projektes in Frage stellten, genüsslich das Gegenteil. Wobei sie zugibt, dass es auch für sie durchaus ungewöhnlich war, denn die Umstände, unter denen das Buch entstand, nämlich weitestgehend in einem Klassensaal und unter Mitwirkung von ca. vierzig halbwüchsigen und nicht ganz „pflegeleichten“ Co-Autorinnen und -autoren, waren nicht alltäglich.

Auf Einladung der Volksbank Alzey-Worms war Renate Hartwig in die Nibelungenstadt gekommen, um das Buch vorzustellen und mit interessierten Lehrern, für deren Schulen die Volksbank Klassensätze des Romans sponsort, über Inhalt und Entstehungsgeschichte zu sprechen. Und auch letztere ist bemerkenswert, denn sie nahm ihren Anfang mit einem Hilferuf eines Pforzheimer Gymnasiums. Eine Lehrerin hatte von der Autorin und ihrem erfolgreichen Kinder-Kreativprojekt, bei dem Kinder in Teamarbeit, die von Hartwig geschriebenen „Mutmachgeschichten“ illustrieren und sie so zu individuellen Kinderbüchern machen, gehört (hier liegt übrigens auch die Verbindung der Volksbank Alzey-Worms zu Renate Hartwig, denn ein solches Projekt hatte man vor nunmehr zwölf Jahren mit zehn Wormser Kindergärten realisiert). Man habe „unruhige“ Klassen, so wurde ihr aus Pforzheim  mitgeteilt, in der es Schwierigkeiten im Miteinander gebe, und man bitte sie hier um Unterstützung.  Schnell war Renate Hartwig klar, die Siebtklässler, um die es ging, würden mit der Illustration eines Kinderbuches wohl kaum hinter dem Ofen hervorzulocken sein. Also musste eine andere Lösung her und sie wusste auch welche: eine spannende Geschichte, bei der die Schüler die Ideen liefern, die die Autorin in entsprechende literarische Form bringen würde. „Es gab viele Unkenrufe“, erzählt die quirlige Ulmerin, „aber das hat mich nur zusätzlich angespornt. Und nachdem  wir von außen kamen und ohne Lehrer an die Themen gingen, lief die Sache wie am Schnürchen. Es entwickelte sich eine riesige Eigendynamik und die Kids waren mit Feuereifer dabei“ Ein Jahr lang fuhr sie zusammen mit Ehemann Paul immer am  Montag die 150 Kilometer in die „Goldstadt“, um  mit den Schülern nachmittags an der Geschichte zu arbeiten, die diese dann im  Kunstunterricht noch zusätzlich illustrierten. Im Rahmen von Hartwigs Initiative „EULE“ (Engagierte Unternehmer liefern Einblicke) finanzierte die Esslinger Stiftung, die Daimler AG und die Würth Stiftung die Produktion der ersten 2000 Bücher. Daimler Hintergrund: Dietmar Zetsche ist ehemaliger Schüler des Pforzheimer Gymnasiums und Renate Hartwig wäre nicht Renate Hartwig, wenn sie ihn nicht mit ins Boot geholt hätte. Und am Ende hielten alle unglaublich stolz ihr Werk in den Händen. „Aus teilweise mutlosen, gefrusteten Jugendlichen ist durch diese Projektarbeit eine begeisterte Gemeinschaft geworden“, berichtet die Autorin. „Das war außer dem tollen Ergebnis des Buches selbst der allergrößte Gewinn dieses Projektes.“

Einen absoluten Gänsehautmoment habe es für sie, die eigentlich so schnell nichts erschüttern kann, gegeben, als es um den Titel für das Buch ging und sie die Jugendlichen um Vorschläge bat. „Einsturzgefährdet“, kam es darauf von einem der gerade mal 14-jährigen Schüler. Auf Nachfrage, wie er auf diesen Begriff gekommen sei, antwortete er: „Weil wir das sind. Unsere Gesellschaft ist einsturzgefährdet.“

Neun Schulen im Geschäftsgebiet der Volksbank Alzey-Worms erhalten nun jeweils einen Klassensatz des Jugendromans, der verpackt in eine Kriminalgeschichte die drängendsten gesellschaftlichen Fragestellungen für Jugendliche, wie Ausgrenzung, Gewalt und Kulturunterschiede aufgreift, und auch die wichtige Frage beantwortet, wie man alles das zusammen überwinden kann. „Aber wir wollen nicht nur die Bücher mit der Gießkanne verteilen“, erklären die Projektverantwortlichen Kristina Telge und Bernd Rissel und sind hier auf einer Linie mit der Autorin. „Sondern wir würden uns wünschen, dass, nachdem der Roman in den Klassen durchgenommen wurde, ein weiterer Austausch dazu stattfindet – dann möglichst mit Schülerinnen und Schülern und natürlich auch mit Renate Hartwig.“ Die Beantwortung der Frage, wie das aussehen kann, haben die Lehrer als „Hausaufgabe“ mit auf den Weg bekommen. Man darf gespannt auf das Ergebnis sein.